20. Dezember 2015 - Ich bin früh aufgewacht und habe den Impuls unbedingt am Tagebuch weiter schreiben zu müssen. Gerne lasse ich mich auf diesen Impuls ein - denn wer weiß schon woher er kommt?! Es gibt keinen Plan was hier passiert, keine Dramaturgie, keine Absicht. Ab nun ist das "Ich" Christine. Glaube ich zumindest...

 

Freitag 08.11.2019

 

Kein Tag ohne dich. Allgegenwärtig ist Lucas in meinem Leben.

Nicht dass ich ständig an ihn denke... nein. Aber immer wieder, mehrmals am Tag, manchmal ganz flüchtig ein Lächeln geschickt dorthin wo du bist (ich hoffe es kommt an Luci :-)) und manchmal dicke Tränen der Sehnsucht, der Erinnerung, des Schmerzes... Der Weg dort raus ist auch mal beschwerlich und ich kann verstehen, dass Menschen in ihrer Trauer stecken bleiben.

Zäh ist dieser Ort, dunkel und einsam, ein dickes Tor mit eisernen und verrosteten Schlössern ohne Schlüssel versperrt den Weg... es kostet manchmal sehr viel Kraft sich von dort zu befreien. Ich stelle mir dann vor wie ich Lucas in die Augen schaue, ihn an den Händen halte oder im Arm habe und sage laut die Worte "Ich schaffe das Lucas, ich habe es dir versprochen"... das hilft.

Das Lächeln und die Freude über das was war überwiegt. Zum Glück. Sonst wäre es nicht auszuhalten.

 

Mittwoch 19.12.2018

Drei. Mit drei kam Lucas in den Kindergarten - wie lange mir damals die Zeit vorkam von Geburt bis zu diesem ersten großen Schritt im Leben!

Drei ist heute gar nicht mehr lange... es war doch eben noch erst als Lucas da war... Nach wie vor ist das warme Gefühl im Herzen da, von dem ich mir erhoffe, dass es ewig bleiben möge. Es ist meine Verbindung zu dem anderen Ort, zu der Zeitlosigkeit oder auch Ewigkeit, da wo Luci sich befindet.

Manchmal wenn es mir nicht gut geht, halte ich inne und nehme ganz bewusst diese verbindenden Atemzüge und wiederhole mein Versprechen: "Ich schaffe das Lucas. Wir schaffen das. Es auszuhalten ohne dich und trotzdem ein freudvolles und erfülltes Leben zu führen, so wie du es dir gewünscht hast." Und dann kann der Alltag weiter gehen.

 

Mittwoch 21.12.2017

Luci ist nun 2 Jahre nicht mehr hier. Es scheint schon so lange her, und doch zugleich wie eben erst passiert. Diese Zeit tut weh, nicht der Todes- oder Beerdigungstag, nein, die Zeit aussenrum. Manchmal frage ich mich, ob diese Sehnsucht irgendwann mal vergeht, dieses Gefühl in der Hand, das die Haare streicheln möchte, das die Hand drücken will oder das gemeinsame alberne herumlachen das nun im Hals stecken bleiben muss.

Wenn ich die Augen schließe, ein paar tiefe Atemzüge nehme und mich auf das warme Strömen im Herzen konzentriere, dann spüre ich Verbindung, Zeitlosigkeit. Ich hoffe, dass ich dieses Gefühl noch lange erwecken kann, es hilft in Zeiten wie jetzt.

 

Donnerstag 2. Juni 2017

Projekt Fenster putzen - ich hasse das... Als ich dann die in Lucis Zimmer putzte überfiel mich große Traurigkeit. Da oben an dem einen Griff hängt noch so ein Plüsch-Mini-Osterhase den Luci so süß fand, da hängt er nun und baumelt einsam vor sich hin. Ohnehin ist es sehr gemischt in diesem Raum zu sein: einerseits finde ich hier Trost und starke Nähe wenn es mal ganz zu arg weh tut, andererseits zeigt der Raum auch ganz brutal die große Leere die nun da ist.

Luci hat mich immer gelobt wenn ich mich unter lautstarkem Stöhnen dem unliebsamen wie Fenster putzen oder bügeln zugewandt habe - ich musste direkt lachen heute, habe seine Stimme gehört wie er mich lobt :-)

"Leuchtende Tage.
Nicht weinen, dass sie vorüber.
Lächeln, dass sie gewesen."
(Konfuzius)

 

Donnerstag 2. März 2017

Viele Tage sind schon wieder vergangen...viele schwere... Es hat sich inzwischen alles gejährt - und ja es stimmt: das Trauerjahr meint tatsächlich auch immer den Blick auf "Wie war das heute vor einem Jahr?" Das hat sich nun verloren, der Blick auf was war genau vor einem Jahr.

Heute ist ein guter Tag, so wie die letzten paar Tage auch. Davor gab es eine ziemliche Weile mit dunkelgrauen Tagen, ich dachte schon es hört nie auf... und an den guten Tagen so wie heute ist Luci so nah, so präsent, manchmal fast unheimlich. Es ist alles auf der Gefühlsebene, so als gäbe es keinen Kopf, keinen Verstand, kein wirkliches Tageintagaus mit seinen ganzen Terminen und Tun. Wenn der Kopf dominanter wird, dann tut es mehr weh, viel mehr. 

Und so bleibe ich in diesem "Lieblingsraum" der Gefühle, der Zeitlosigkeit, der nicht linearen Ausrichtung. Das liegt mir ohnehin und ist kein mühsames Tun oder gar ein Widerspruch zu meinem Ich.

 

Donnerstag 27.Oktober 2016

Gerade sind mal wieder ein paar Tage, die außerordentlich weh tun. Für mich fühlt es sich an wie eine zähe, dunkle Masse, die sich von unten über den ganzen Körper zieht,- kaum loskriegen kann man das Zeug.

Diese Tage sind schwer, fühle mich dann wie ein Bleiklotz, die Grenze zum weinen ist schnell erreicht, die Haut sehr dünn, die Bilder der guten Zeiten sehr aktiv, das Lächeln von Luci überall.

Was für ein Kerle!!! Pure Liebe, so ganz grenzenlos...

Ist das schon wieder ein gutes Gefühl??? Ich glaube ja. Denn dieses grenzenlose Liebesgefühl reicht überall hin, sogar "da rüber", so bleibt die Verbindung.

Ok, ich denke die dunklen Tage nehmen nun doch wieder ab... weiter so Christine...

 

Dienstag 12.Juli 2016

Die Zeit vergeht... oft denke ich "du musst noch das Tagebuch aktualisieren!" - und dann fällt mir ein, dass es nichts zu aktualisieren gibt... eine alte Gewohnheit, die ich eigentlich ablegen kann... 7 Monate sind nun vergangen. Viele fragen uns, wie es uns geht. Nein, schlecht geht es uns nicht. Wir strampeln uns in ein "neues Leben", versuchen nun die nächsten Jahre/Jahrzehnte so zu gestalten, dass wir uns glücklich fühlen.

Doch, das kann gehen - davon bin ich überzeugt. Als wir im Jahr 2000 erfuhren, da war Luci 4 Jahre, dass er Fanconi Anämie hat, brach auch zunächst unsere Welt zusammen. Und dann kam irgendwann der wilde Entschluss auch mit so einer Diagnose und Aussicht wollen wir glücklich leben! Das Beste rausholen aus dem Heute, ganz bewusst. Wer weiß schon was morgen ist??? Und nicht hinzuschauen, dass übermorgen schon alles ganz anders sein kann, soll glücklicher machen als mit hinschauen? Warum?

Ja, Endlichkeit kann Angst machen. Und wenn es die Endlichkeit des eigenen Kindes ist, erst Recht. Und trotzdem hat man die Wahl, man kann eine Position einnehmen, die alles ein bisschen relativer und übergeordneter betrachtet. Und da kann dann eine glücklichere Version der gleichen Sache sein.

Wir sind auf dem Weg.

 

Donnerstag 5. April 2016

Mal geht es einem gut, mal geht es einem schlecht... - Wie wahr!!!

Da mein Laptop "kränkelt" und ich dabei bin einen Blog zu erstellen www.wundersamesleben.de, habe ich mich nun getraut den Rechner von Luci zu nehmen... Beim stöbern und aufräumen der Daten bin ich auf verschiedene Gedanken von Lucas gestoßen... hier ein Dokument das den Namen "Das Unglaubliche" trägt. Es stammt vom 27.7.2014. Da war Lucas bereits mit Krebs diagnostiziert, operiert und wir dachten "unsere" kleine Welt sei nun wieder in Ordnung...

Das unglaubliche

Wir haben Streit/ Es ist krieg, das sind die Information, die alle, direkt oder nicht direkt Beteiligten hassen.

Krieg und Tot stehen vor Leben, diese Regeln scheinen wohl in den entsprechenden Zeiten und Regionen zu gelten.

Alles mit diesem Thema zusammenhängende verschlingt so viel Geld, Geld, während es in anderen Regionen in solch einem Umfang fehlt, dass unbeteiligte deswegen ihren Lebensinhalt oder auch ihr Leben, sowie das ihrer Freunde und Verwandten verlieren.

Die Unbeteiligten und schwächeren trifft es meist am schlimmsten, dies ist eine altbekannte Regel, und doch scheinen es die Verantwortlichen nicht annähernd zu verstehen.

Man muss sich einmal vorstellen:

Zwei oder mehr Nationen verschwenden Massen an Geld für die Herstellung von Kriegsmaterial, nur um am Schluss auf einander zu zu rasen, um sich umzubringen und innerhalb dieser Masse befinden sich Lebewesen, die eine vollkommen andere Denkweise und Meinung haben, aber keine Chance irgendetwas dagegen zu unternehmen.

Das soll Menschlichkeit ausdrücken? Unglaublich!

Darauf trifft nur die eine Beschreibung zu: Sein größter Feind ist man selbst.

Auch wenn sowohl schlechte als auch gute Emotionen dazugehören, sollte man doch versuchen den schlechten keine Oberhand zu ermöglichen.

Aber wenn es einmal kommen sollte, muss man sich doch bemühen, die ungefähre Ausgewogenheit und somit den Frieden von sich aus wieder herzustellen.

Streite können nur durch Zuhören, Aufmerksamkeit, Einsicht und Verzeihung geklärt werden.

 

Sonntag 28. Februar 2016

Sind wirklich bereits 4 Wochen vergangen??? Das ist wirklich komisch mit dieser Zeit im Moment... Mal vergeht sie kaum, mal sehr schnell, alles wirkt ganz nah und wie eben erst geschehen, und wenn man auf den Kalender schaut...

Es ist ein beständiges Bergauf und -ab mit dem Befinden und Gefühlen. Am Geburtstag konnten wir uns abends doch nicht aufraffen, irgendwie tat es doch zu weh. Und ja, da kam eine ziemlich große Unwucht daher, die so erschien, als würde sie nie mehr weg gehen wollen... aber irgendwann nach einigen dunklen Tagen hat sie sich langsam wieder davon gemacht. "Tauer muss man einladen", sie muss wohl durchlebt werden... ablenken hilft zwar, aber langfristig ist das keine Strategie. Es fühlt sich an wie eine Krankheit. Dann muss man auch wieder gesund werden können... auch wenn Narben bleiben werden, da bin ich sehr sicher.

Gestern fiel mir ein Büchlein in die Hände: "Bestärkt" von Petra Stadtfeld. Das bekam Lucas ein paar Wochen zuvor geschenkt und wir haben jeden Tag ein gedicht/Gebet gelesen und uns daüber Gedanken gemacht. Hier eines, das Lucas ganz großartig fand. Er sagte, er fühle sich oft genauso wie da beschrieben:

Einfach so

Ohne äußeren Anlass bin ich manchmal von Freude überwältigt,

und für einen kurzen Augenblick aller Sorgen enthoben.

Ohne ersichtlichen Grund bin ich manchmal im Innersten berührt

und einen Moment lang vom Glück umgeben.

Wie aus heiterem Himmel fühle ich mich manchmal getragen

und erkenne den Sinn, ohne alles zu verstehen.

Manchmal machst du mich für den Hauch eines Flügelschlags eins mit dir und der Welt.

Donnerstag 28. Januar 2016

Morgen hat Lucas Geburtstag - eigentlich wollten wir eine große Sause machen, den 70. feiern... (seine 20 und meine 50)... und jetzt müssen wir schauen, diesen Tag irgendwie anders gut hinzubekommen... Vielleicht schaffen wir es zu Lucis Lieblingsrestaurant zu gehen: ein Sushiladen in Karlsruhe. Den hat er heiß und innig geliebt! er war nicht wirklich ein großer Esser, aber da beim Sushi kannte er kaum Grenzen und hat die Tellerchen meterweise vor sich in gestapelt! :-)

Es ist ein Auf und Ab mit dieser Trauer, eine ganze Zeit lang ging es mir relativ gut und meine Traurigkeit lies sich "kontrollieren". Nun, seit ein paar Tagen ist das wieder anders, ich fühle mich in einer Art Dauertraurigkeit, es braucht nicht viel und ich könnte Rotz und Wasser heulen.

Am Montag wird es 7 Wochen sein, da Lucas gegangen ist.

Meist besuche ich einmal pro Woche unseren Baum. Es ist zwar ein Ritual, aber ich kann nicht sagen, dass ich dort Lucas besonders nah bin. Wenn ich mir Zeit nehme, mich hinsetze. die Augen schließe und dann den Wind spüre, die Vögel höre, die Natur rieche, ja dann ist er deutlich zu spüren. Aber genauso auch zuhause... darüber bin ich froh. Es gibt sie die Momente der totalen Nähe, und die trösten sehr.

Ich stelle mir manchmal vor, dass sich Lucas, wie es früher ganz normal war, vom Elternhaus verabschiedet hat und hinaus in die Welt gezogen ist. Um zu sehen und zu erleben und seinen Platz zu finden.

Früher als er klein war und wir in einem Urlaubsort im Hotel ankamen, war es ganz normal, dass Lucas zuerst den Schlüssel haben wollte. Immer ist er als erster in die Räumlichkeiten, hat sie untersucht, für gut befunden und uns dann herein geholt. Er wusste dann alles wie es funktioniert (wie der Radio, TV angeht, wo man welchen Schalter drücken muss...), es hat Luci Spaß gemacht der "Eroberer" zu sein. Mit diesem Bild geht es mir auch recht gut, wenn ich mir vorstelle, er ist nun zuerst "drüben" erforscht alles und dann kommen wir nach :-) Wie früher halt, also ganz normal, nix besonderes...

 

Sonntag 10.01.2016

Die Tage vergehen... ich hatte große Angst vor dem Alltag, wenn Raimund nun wieder arbeiten geht und ich so alleine zuhause bin. Dementsprechend habe ich mir jeden Tag Termine gemacht, überwiegend mit Freundinnen getroffen usw., um die Leere etwas auszufüllen. Das hat geholfen, zumindest bis Freitag Mittag. Irgendwie tat es ab der Mittagszeit wieder sehr sehr weh, und ich merke, dass es mir ganz und gar nicht gut geht. Aber das ist ja erlaubt, und mir im Grunde egal ob mich jemand weinen sieht. Soviel muss erlaubt sein. Und wenn nicht, mir auch egal.

Das Karusell

Man sitzt darin, und denkt "Das kenn ich aus meinen Kindertagen!".

Aber es dreht unwuchtig. Nicht schön. Gar nicht so wie früher.

Die Eisenstange im Rücken, kalt und rostig. Es tut weh.

Man wird unplanbar geschleudert, in die unterschiedlichsten Unwuchten.

Die Buchten der Unwuchten...

Lucas du fehlst so sehr!!!

Lächeln über schöne Erinnerungen.

Einfach nur Leere, keine Zukunft mehr.

Erleichterung über die Leichtigkeit des Sterbens.

Loslassen fällt so schwer.

Spüren - da ist doch aber mehr!

Sehnsucht nach den guten Tagen.

Mich fragen wann der Schmerz auszuhalten geht ohne Ablenkung.

Dankbarkeit dich mein Schatz erlebt zu haben.

Gewissheit, dass es keine Trennung gibt.

Rundrumrundrumrundrumrundrumrundrum

immerweiterimmerweiterimmerweiter

Mal schnell, mal langsam.

Man wird an den Rand gedrückt, oft bleibt die Luft weg.

Die Eisenstange im Rücken, kalt und rostig.

Es tut weh.

Nicht schön. Gar nicht so wie früher.

Es ist das Karusell der Trauer.

 

Donnerstag 31.12.2015

Eine seltsame Nacht liegt hinter mir, ständig war ich wach.

Der Schmerz ist immer spürbar und allzeit präsent, meist lässt er sich unter einer dünnen Decke von Aktivitäten beruhigen. Gegen Abend ist es am schlimmsten, wenn Ruhe einkehrt und die Gedanken sich wünschen die Zeit zurück drehen zu können. Dann tut sich ein Loch auf, das kann sich zu einem Krater entwickeln und manchmal sogar einen Sog auslösen... irgendwann tut der Kopf so weh vom weinen, dann muss ich aktiv werden um dem Sog zu entkommen - spazieren gehen hilft, manchmal reicht es die "kleine Schulrunde" (in den letzten Monaten (bis auf die letzten 6 Wochen) waren wir viel spazieren Lucas und ich, haben den einzelnen Strecken Namen verpasst) zu laufen. Das erinnert auch intensiv an Lucas, tut weh, ja, aber ich kann mich dabei auch an viele Gespräche und Gedanken erinnern dir wir beiden Philosophen ausgetauscht haben. Und das tut wiederum gut, und wenn ich den Wind spüre, dann spüre ich Lucas ganz nah. So lässt es sich im Moment aushalten. Also vorgestern. Und gestern. Und vielleicht auch heute.

"Schritt für Schritt... mit Geduld und Spucke" oder auch das Bild von Benno Straßenkehrer bei Momo, jeder Besenstrich für sich, diesen intensiv ausführen - das war immer unser Motto.

Letztes Weihnachten bekam ich von Lucas eine selbstgebastelte Klappkarte geschenkt, mit 4 Seiten, die er von gelb über hellorange, orange und rot angemalt hat. Und jede Seite hat einen Text:

1. Der Anfang

Egal wie weit der Weg ist, man muss den ersten Schritt tun.

2. Die frühe Mitte

Am Anfang ist alles schwer, sowie ungewohnt und auch schön. Doch je näher man der Mitte kommt, wünscht man sich nie über sie hinauszugehen.

3. Die späte Mitte

Das Ende ist etwas das Angst erzeugt, doch sollte man das Jetzt genießen, sowie sich auf das Später vorzubereiten und sich klar zu machen, dass Veränderung etwas Gutes ist.

4. Das Ende

Das Ende ist der Grund um neu zu beginnen.

 

Samstag 26.12.2015

Heute morgen wieder der Drang "Schreib weiter!"...

Am Sonntag kamen viele Menschen in den "Raum der Stille" um sich von Lucas zu veabschieden. Wir hatten den Eindruck, dass die allermeisten zwar mit großer Traurigkeit heim gingen, aber auch mit dem Gefühl, dass Lucas wirklich ganz friedlich gegangen ist, was innerlich dann ein versöhnliches Gefühl machte. Die Themen Sterben und Tod sollen uns keine Angst machen... ich glaube Lucas hat uns allen diese Botschaft auch an diesem Tag intensiv mitgegeben. Am Abend dann ein letzter Kuss, ein letztes Ohrläppchen-Geknuddel, dann machten wir den Sargdeckel gemeinsam zu... Warum tat es nicht so weh wie man es sich vorstellen würde???

Lucas hatte uns schon in den letzten Tagen seinen neuen Platz in unserem Leben gezeigt: in uns, um uns, überall in der Natur. Spätestens wenn wir die Augen schließen, einen tiefen Atemzug holen und das Herz öffnen ist er ganz bei uns. Ja, trotzdem tut es weh, klar... doch immer wenn der Schmerz überhand nimmt, tief Luft holen... dann isser da. Ein schönes Gefühl. Hoffentlich bleibt das so.

Montags kamen dann unsere Berliner Freunde. Wir hatten Angst an diesem Tag alleine zu sein, ohne die Möglichkeit an einen Sarg zu gehen oder an den Baum von Lucas. Schizophrene Gedanken, denn längst war unserem Verstand klar, und auch unserem Gefühl, dass es nur noch die Hülle war, die wir besuchten - warum also Angst diese Möglichkeit nicht mehr zu haben..ist doch eigentlich Unsinn.

Dienstag 15h, Gottesdienst und Beisetzung. Es waren wohl so an die 400 Menschen, die Lucas und uns begleiteten. Genau die passenden, tröstenden Worte von Pfarrer Wenzel, den tragenden Rückhalt durch Harald Pfister, emotionale Stärkung durch die Saxophonklänge von Hr Metz und vor allem die liebevolle und stärkende Begleitung der vielen vielen Menschen...und wer da war hat das vielleicht auch gespürt: Die Sonne die in den bestimmten Momenten aufblitzte und das Herz wärmte, der Vogel der hin und wieder lauthals zwitscherte um die Schwere zu nehmen, der Wind der die Tränen trocknete, die Stimmung die in dieser Gruppe entstand mit einer ganz besonderen Qualität von Schmerz, Trauer und Friede und Liebe... auch dieser Schritt des Abschieds hat sich leichter angefühlt als gedacht.

Der nächste Meilenstein war dann Heiligabend ohne Lucas zu meistern. Oder auch mit einem anderen Lucas, und noch genauer mit dem wesentlichen Teil von Lucas, "nur" ohne Körper, denn in unseren Herzen ist er ja nach wie vor gleich da, vielleicht so, wie wen ner einfach verreist wäre... Auch dieser Abend war nicht so schlimm wie man vermuten könnte. Rücksichtsvoll und die Verletzlichkeit zulassend sind wir miteinander umgegangen, nichts überspielt, traurig, ja, und doch ist da der Teil in uns allen, der weiß, dass es da noch was gibt. Wir sind nun alle bereit diesen Bereich bewusst wahrzunehmen.

Inzwischen habe ich ein Buch gelesen von Hans Stolp und Margatete van den Brink "Begegnungen im Lichtreich". Ein christliches Buch, der eine esoterische Interpretation der Bibel zugrunde liegt. Noch eine zusätzliche Sicht, warum Jesus für uns am Kreuz gestorben ist. Und vor allem eine erweiterte Sicht über den Tod hinaus - dem Lichtreich. Die andere Seite des Lebens hier auf Erden, nämlich das weitere Leben des unsterblichen göttlichen Funken in uns. Und eben die Theorie, dass wir verbunden bleiben, auch heute schon... ein tröstender Gedanke und letztendlich fühlt es sich auch total so an.

Was mich mächtig beeindruckt ist, dass dieses Buch genau an die Gespräche mit Lucas anknüpft. Genau hier standen wir zuletzt mit unseren Überlegungen und Gedanken... Und schwupps fällt es mir in den Schoß...

 

Sonntag 20.12.2015

Heute ist der Tag des vorletzten Abschieds. Wir sind froh bei Harald Pfister und Nicole "gelandet" zu sein. Bei seinem Besuch am Dienstag morgen redete er von "Schritt für Schritt Abschied nehmen", da haben wir das noch gar nicht verstehen können. Lucas lag auf der Couch, sah aus als ob er schliefe, war doch der Montag schon unser sehr intensiver, friedlicher Tag des Loslassens...

Ja, ok, Loslassen und Abschied, das sind schon mal zwei Paar Schuhe. Am Montag Abend bis Mittwoch gegen 12h waren viele Menschen hier bei uns. Es waren heilsame Stunden, es lagen sowohl Unfassbarkeit und große Trauer als auch Ruhe und Frieden in der Luft, die jeder gespürt hat. In einem großen Kreis saßen wir alle da... stumme Phasen... weinende Phasen... erinnernde Phasen... lachende Phasen... erleichterte Phasen (vor dem was nun weiter passiert wäre)... ja, es hat sich gut angefühlt, so absurd das nun für manche klingen möge.

Dann kamen Harald Pfister und Nicole und haben Lucas abgeholt, der nächste Schritt des Abschieds. Respektvoll, ruhig, mit viel Zeit, Lucas zugewandt als würde er noch leben, uns haltend und beschützend, damit wir uns nicht überfordert fühlen - nein, es war nicht schlimm. Zwei Stunden später durften wir Lucas besuchen, im "Raum der Stille".

Der "Raum der Stille" war nun diese Tage unser Treffpunkt mit dem Körper von Lucas, auch wenn wir deutlich wahrnehmen, dass sich die Seele/der Geist (welche Worte auch imemr ihr für das Innere habt) nach und nach ablöst. Nein, man stirbt nicht plötzlich... der Körper vielleicht, aber das andere, das man so schlecht erklären kann, nicht. Und irgendwie lernt man sich darauf einzulassen, dass Lucas nun anders da ist, noch feiner und zärter als früher... und wir sind bereit diese neue Sprache verstehen zu lernen.

Viele Stunden haben wir im "Raum der Stille" bisher verbracht. Gestern auch ganz intensiv mit Onkel Marc, Steffi und den Kids. Wie bringt man Kindern bei, dass sterben und Tod vielleicht auch eine andere Seite haben... Heilsame Stunden für uns alle, traurig, ohja, aber sehr wichtig. Eine Freundin besuchte Lucas gestern und sagte: Sogar im Tod können wir von Lucas lernen.

Entschleunigter Abschied, Schritt für Schritt. Das tut uns gut.

Und heute der nächste Schritt... ich habe Angst und zugleich spüre ich, dass es nun immer mehr nur die Hülle von Lucas ist, die es zu verabschieden gilt. Mittags ist der Platz für die vielen anderen, die sich verabschieden möchten. Später dann, ganz alleine unter uns, möchten wir Eltern selbst den Sargdeckel schließen.

Und wie sich das morgen anfühlen wird... ich habe etwas Angst davor. Die Fahrt zum "Raum der Stille" ist dann nicht mehr möglich. Ein letztes Streicheln, Ohr kraulen, fühlen... das endet heute.

 

 
 
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